#22: Meldepflichtige Ereignisse

Behauptung: Alle drei Tage kommt es zu einem ›sicherheitsrelevanten Ereignis‹ in einem deutschen Atomkraftwerk.

Die EWS behaupten (Originalgrund)

Die Störfallmeldestelle des Bundesamts für Strahlenschutz verzeichnet Jahr für Jahr zwischen 100 und 200 Störfälle und für die kerntechnische Sicherheit bedeutsame Ereignisse in deutschen Atomkraftwerken – seit 1965 insgesamt etwa 6.000. Jedes Jahr haben einige dieser meldepflichtigen Ereignisse das Potenzial, einen schweren Unfall auszulösen. Dass es bisher in Deutschland nicht zum Super-GAU kam, war mehrmals nur Zufall und Glück.

„Weiterführende Informationen” der EWS

Richtig ist …

Die hier gewählte Formulierung soll suggerieren, dass es jedes Jahr 100 bis 200 Störfälle gibt. Dies ist jedoch falsch. Insgesamt gab es in Deutschland nur 3 Störfälle, wobei die letzten 2 (Philippsburg) 11 Jahre zurück liegen und sich nachträglich als unkritisch, wohl aber nicht vorschriftsmäßig, herausgestellt haben. Der Rest sind „Störungen” und „Vorfälle”, die zwar meldepflichtig, aber sicherheitstechnisch von geringer Relevanz sind. Auf diese Statistik sollte man stolz sein, aber auch froh, dass man durch ein derartiges Meldesystem ständig Verbesserungen vornehmen kann. Dies zeigt sich auch in der stetigen Abnahme der gemeldeten Vorfälle seit 20 Jahren.

In diesem Zusammenhang einen „Super-GAU” zu erwähnen ist ungefähr so, als würde man es als Zufall und Glück bezeichnen, dass ein Auto mit klemmendem Heckscheibenwischer nicht gleich lichterloh explodiert ist. Die mehrfach installierten, vielseitigen aktiven sowie die ausfallsicheren passiven Sicherheitssysteme und -barrieren bewirken eine nur sehr geringe Ausfallrate, klar belegt durch die Berichte des Bundesamtes für Strahlenschutz.

Dieser Beitrag wurde unter Unfall- & Katastrophenrisiko veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu #22: Meldepflichtige Ereignisse

  1. Johnny Doepp sagt:

    Wie schon mal woanders erwähnt ist es eine Frage der Definition eines „Störfalls“. INES (http://www.bfs.de/de/kerntechnik/ereignisse/ines.html) definiert ihn klar als „Begrenzten Ausfall der gestaffelten Sicherheitsvorkehrungen“. Und davon gibt es sicher einige, denn es gibt eine Menge passiver Sicherheitseinrichtungen, die ja nicht permanent laufen, sondern erst bei Bedarf – also bei einem Zwischenfall – aktiv werden müssen. Zu diesem Zweck werden diese Anlagen aber regelmäßig getestet – d.h. z.B. man schaltet testweise die Notstromdieselgeneratoren an. Und da diese nun eine Weile stillgestanden sind, mag der eine oder andere, aus welchen Gründen auch immer, nicht sofort anspringen. Schon hat man einen Störfall, der auch meldepflichtig ist. Bei einem wirklichen Bedarfsfall wäre das sicher sehr unschön und hat tatsächlich das Potential, schlimmere Ereignisketten nach sich zu ziehen. Aber deshalb testet man ja die Anlagen regelmäßig, um zu prüfen, wie oft solch ein Ausfall bei Anforderung eintritt. Ist dies signifikant zu häufig, so dass in einem wirklichen Bedarfsfall die Wahrscheinlichkeit so groß ist, dass es wirklich zu schwereren Unfällen kommt, so muss man weitere redundante Sicherheitsanlagen hinzufügen. Bei zwei Notstromdieselgeneratoren, von denen jedes allein reichen täte (!), ist die besagte Ausfallwahrscheinlichkeit aber schon enorm klein, so dass andere Pfade zu Unfällen signifikanter sind. Einzig nicht genügende Diversifikation zeigte in den letzten Jahrzehnten größeres (inzwischen erkanntes) Potential für höhere Unfallwahrscheinlichkeiten. Zum Beispiel der Brand in einem Notstromdieselgenerator kann auch zum Ausfall des zweiten führen, wenn dieser gleich neben dem ersten steht. Das sind inzwischen Erfahrungswerte, die gesammelt werden mussten, und die inzwischen gut berücksichtig werden bei neueren Anlagen (bei älteren auch, wenn sie signifikant sind).
    Autobeispiel: Welcher Autobesitzer prüft regelmäßig den Luftdruck des einzigen(!) Ersatzreifens? Das einer der anderen Reifen, aus welchen Gründen auch immer, mal platzen kann, ist unbestritten. Wie gefährlich es dann aber ist, mit einem schlecht gewarteten Ersatzreifen zu fahren, schätzt kaum einer ein. Und dabei geht es nicht nur um das eigene Leben! Leider schaut da die Polizei nicht ganz so regelmäßig hin. Und auch die Warnblinkanlage wird vom Autobesitzer eher selten getestet. „Der TÜV macht das ja, oder?“ Alles in allem glaube ich, dass vielen Menschen wirklich nicht klar ist, welch Aufwand bei KKWs getrieben wird, um Risiken dieser Technologie so klein wie möglich zu halten. Die tatsächlichen Zahlen von Toten und Verletzten lassen darauf schließen, dass man einen normalen Autobesitzer und -fahrer besser kein KKW anvertraut!

  2. Johnny Doepp sagt:

    Noch eine Anmerkung: Es mag sich ja inzwischen eingeschliffen haben, Superlative noch weiter zu steigern. Syntaktisch ist das aber Schwachsinn. GAU ist schon der „Größte Anzunehmende Unfall“. Wie soll man das steigern? Etwa Unfälle, die nichtanzunehmenderweise schlimmer sind? Das ginge auch ehrlicher unter der Bezeichnung „Phantasiekatastrophen“ – oder kurz: PK.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *
Oder: Falls du registriert bist, melde dich an.

*