#28: Versicherungsschutz

Behauptung: 50 Autos sind zusammen besser versichert als ein Atomkraftwerk.

Die EWS behaupten (Originalgrund)

Ein Super-GAU in einem Atomkraftwerk in Deutschland verursacht Gesundheits-, Sach- und Vermögensschäden in Höhe von 2.500 bis 5.500 Milliarden Euro. Das hat die Prognos AG 1992 in einem Gutachten für das FDP-geführte Bundeswirtschaftsministerium errechnet.

Die Haftpflichtversicherung aller Atomkraftwerksbetreiber zusammen deckt ganze 2,5 Milliarden Euro ab – also 0,1 Prozent des zu erwartenden Schadens. 50 Autos auf dem Parkplatz eines Atomkraftwerks sind zusammengenommen besser versichert als das Atomkraftwerk selbst!

„Weiterführende Informationen” der EWS

„Quellen” der EWS

Richtig ist …

Die Behauptung ist falsch, denn die Haftung ist grundsätzlich unbeschränkt und erstreckt sich sogar auf das Ausland (§31 und §25 AtG). Eine vergleichbare Haftung ist für Autos undenkbar. Nur in Fällen höherer Gewalt, Unruhen, Kriegen u.ä. ist die Haftung auf 2,5 Mrd. Euro beschränkt (§25 Absatz 3). Und dies auch nicht für „alle Atomkraftwerksbetreiber zusammen” sondern für jede Anlage einzeln.

Es ist weiterhin falsch, dass die Prognos AG selbst ein „Gutachten” erstellt hat. Dort werden lediglich Behauptungen aus der 1988 angefertigten Doktorarbeit des Volkswirtes Olav Hohmeyer kopiert. Das „Gutachten” ist im Zentralregister der deutschen Bibliotheken nicht verzeichnet und im Archiv der Prognos AG nicht auffindbar. Hohmeyers Doktorarbeit hingegen schon, aber dort muss man mit Schrecken feststellen, dass dieser seine Basisdaten aus einer 1987 ausgestrahlten Fernsehsendung des NDR bezogen hat. Daten aus Fernsehsendungen sind in Ingenieurs- und Naturwissenschaften alles andere als wissenschaftlicher Standard.

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3 Kommentare zu #28: Versicherungsschutz

  1. Frank Schoene sagt:

    Es ist wie bei der Bankenrettung. Im Schadensfalls hilft unbegrenzte Haftung nichts, wenn das haftende Subjekt durch die Haftung insolvent wird. Also haften alle, d.h. der Steuerzahler. Analog haftet „der Planet Erde“, die Evolution, letztendlich für alle Atomkraft bedingten mögliche Unfälle, sozusagen als Haftungssubjekt „of last resort“. Darüber hinaus ist Strahlung (natürliche/erzeugte) etwas Reales, d.g. egal wie wir zur Atomkraft stehen, sie ist da, wenn sie da ist. Dagegen ist „Haftung“ etwas vorgestelltest, eine kulturelle Norm, Vereinbarung. Das wir heute zukünftige Generation verpflichten für unser handeln Maßnahmen zu ergreifen, ist keine Garantie dafür, dass diese Generationen dieses wollen und vor allem auch können werden. „Können“ im Sinne von politischer, wirtschaftlicher und technologischer Fähigkeit und Umsetzbarkeit. Können wir Deutschen in Königsberg agieren? Können die Russen in Alaska agieren? Was machen die Inkas eigentlich heute? Wie lange überlebte das 1000 Jährige Reich? Was wir heute definieren, festlegen und planen findet doch zunächst mal nur in unseren Köpfen statt. Warum nicht einfach simple, doofe aber erprobte und von mir aus teurere Energiequellen nutzen, wenn wir doch nur diesen Planeten als Lebensgrundlage haben?

    • Johnny Doepp sagt:

      Ich sehe es schon als extrem zynische Sicht auf die Gesellschaft, wenn Einzelne haften sollen, wenn sonst die Gemeinschaft sonst profitiert. Ist ja nicht so, dass die Nutzung der Kernenergie eine Privatentscheidung war, wie die ob ich als Häusle-Bauer einen Keller oder eine Garage möchte. Ferner – und da mag ich Ökonomen einen Schrecken einjagen – gibt es Dinge auf der Erde, die lassen sich nicht versichern, noch überhaupt in Größen wie Geldsummen ausdrücken. Sicher, kerntechnische Technologien sind mit Verantwortung verbunden. Man erhält dafür aber auch eine Menge. Nur während die EVUs und die Behörden versuchen, ihren Verantwortungen nachzukommen, tut es die breitere Allgemeinheit leider nicht. Es hat ja jeder das Recht, sich mit Kerntechnik und Physik zu befassen. Es gibt genügend Probleme technischer Natur, die gelöst werden müssen und sicher können. Der „gemeine Bürger“ begnügt sich jedoch damit, den Luxus fließenden Stroms zu genießen, Fernzuschauen, und die Annehmlichkeiten des Lebens „zu ertragen“. Schön, wenn man sich dem so sorglos hingeben kann, oder?

      Noch etwas: Eine „kulturelle Norm“ ist semantischer Blödsinn. Es gibt bestenfalls einen „kulturellen Konsens“, der aber sicher nichts statisches ist – sonst gäb es keine Bürgerkriege.

  2. Kritikalität sagt:

    @ Frank Schoene:

    Sie sprechen konkret 2 Punkte an, die Haftungskosten bei Unfällen und die Haftbarmachung zukünftiger Generationen. Bitte lesen Sie dazu auch in den anderen Gründen (insbesondere 12 bis 40 zum Thema Sicherheit/Strahlung und dann weiter bis 60 zum Thema Entsorgung).

    Kurz:
    Die gesundheitliche Belastung durch radioaktive Strahlung wird in den Medien weit gefährlicher beschrieben als in wissenschaftlich begutachteten Arbeiten. Man erhält dadurch Belastungen, je erzeugter Elektrizitätsmenge gerechnet, die bei Kernenergie geringer als bei allen anderen Energieformen ist. Chemieabfälle, wie sie auch bei der Nutzung regenerativer Energien anfallen, stellen, auch wegen ihrer durch die Menge bedingten höheren Toxizität, ein größeres Problem für zukünftige Generationen dar. Diesbezüglich ist Ihr Vergleich der Voraussagbarkeit von Effekten bzgl. Königsberg usw. mit gesetzlich erfassbaren technischen/naturwissenschaftlichen Dingen völlig absurd. Die Unfallmöglichkeiten Tschernobyl und Fukushima waren schon damals absehbar. Da bin ich optimistischer als Sie, dass zukünftige Generationen sich politisch weiterentwickeln und weiterhin für Naturwissenschaft und Technik interessieren. Wirtschaftlich wären sie nämlich mit den „teuren“ Energietechniken wesentlich schlechter dran.

    Die Haftungshöhen sind vor allem durch den enorm paranoiden Strahlenschutz begründet. In Fukushima entstehen vor allem durch Dekontaminationsarbeiten Kosten von etwa 70 Mrd. Dollar, weil dort Grenzwerte (5 mSv/Jahr) zu unterschreiten sind, die in den Alpen oder großen Teilen Finnlands völlig natürlich um nocheinmal diesen Wert überboten werden. In einigen Gebieten in Brasilien und dem Iran sind die natürlichen Belastungen sogar bis zu 50-mal so hoch, etwa wie in Fukushima wenige Kilometer vom verunglückten Kernkraftwerk entfernt. Durch solche Dosen sind Lebewesen nachweislich nicht im geringsten zu Schaden gekommen. Würde man diese Schadenssumme trotzdem sinnvoll umlegen und als Topf vorhalten, so entstehen kaum Mehrkosten (deutlich weniger als 0,1 Cent, eher 0,01 Cent je kWh) und kein einziger Cent müsste sonst von der Allgemeinheit getragen werden.

    Aus der Erfahrung kann man 2 Tatsachen erkennen: Heutige Reaktoren können gegen die Auswirkungen von Kernschmelzen ausgelegt werden (Harrisburg, wo keinerlei Schäden außerhalb des Kraftwerks auftraten) und der praktische Betrieb von Schnellspaltreaktoren (etwa Russlands BN-600, nach nur anfänglichen ungefährlichen Leckagen seit 15 Jahren störungsfreier Betrieb), deren Abfälle nach Aufbereitung nur einige 100 Jahre gelagert werden müssen. Das sollen die „einfachen“ Energietechniken mit ihren Rückständen mal nachmachen.

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