#26: Flugzeugabsturz

Behauptung: Atomkraftwerke sind nicht gegen Flugzeugabstürze geschützt.

Die EWS behaupten (Originalgrund)

Kein Atomkraftwerk in Deutschland würde den Absturz eines vollgetankten Passagierflugzeuges überstehen. Das hat die Gesellschaft für Reaktorsicherheit in einem – ursprünglich geheimen – Gutachten für das Bundesumweltministerium erläutert.

Sieben Reaktoren haben sogar nur so dünne Betonwände, dass bereits der Absturz eines Militärjets oder ein Angriff mit panzerbrechenden Waffen eine Katastrophe auslösen kann.

„Weiterführende Informationen” der EWS

Richtig ist …

Statistisch gesehen muss ein deutsches Kernkraftwerk alle 1,6 Millionen Jahre mit einem Treffer durch ein Verkehsflugzeug rechnen. Selbst für die sieben älteren Reaktortypen, die nicht explizit gegen Flugzeugabstürze gesichert sind, führt dies nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 15% zum Durchschlagen der äußeren Hüllen. Die neueren Reaktoren haben deutlich dickere Außenwände, der EPR, den Deutschland maßgeblich mitentwickelt hat, aber nun nicht mehr haben will, sogar eine Doppelwand.

Und selbst wenn das Flugzeug ein Loch reisst und es innen zu Bränden und Kühlmittelverlust käme – eine Kernschmelze zu bewerkstelligen ist extrem schwierig, da die Sicherheitsvorrichtungen überall verteilt sind. Die mehrere Meter dicke innere Barriere (biologischer Schild und Reaktordruckbehälter) schirmt den schmelzenden Kern ab, über einen separaten Kamin kann gefiltert entlastet werden – die Folgen für die Bevölkerung wären dieselben wie 1979 in Harrisburg, nämlich außer einer kurzen (unnötigen) Evakuierung, keine. Panzerbrechende Geschosse scheitern zwangsläufig an den viel zu dicken inneren Barrieren.

Flugzeuganschläge auf Kernkraftwerke haben nicht mal versuchsweise stattgefunden. So makaber es klingt – Terroristen können offensichtlich rechnen.

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6 Kommentare zu #26: Flugzeugabsturz

  1. Tritium sagt:

    Ganz nebenbei bemerkt, da ja auch immer wieder der magelnde Versicherungsschutz von KKWs in die Diskussion gebracht wird:
    Genau wie Kraftwerksberteiber unterliegen auch Fluggesellschaften der ‚Gefährdungshaftung‘, das heisst, sie müssen unter allen Umständen zahlen, wenn durch den Betrieb ihrer Flugzeuge etwas passiert, egal ob das schuldhaft geschah oder nicht.
    Crasht also ein Flugzeug in ein KKW, muss die FLUGGESELLSCHAFT zahlen!
    Das führte nach dem 911-Terrorangriff beinahe zu einem Erliegen des globalen Luftverkehrs, da die Versicheurungsgesellschaften ihre Veträge kündigten und die Fluggesellschaften es nicht wagten, ohne Versicherungsschutz zu starten. Erst durch die staatlliche Zusage der Schadensübernahme war wieder ein Fugbetrieb möglich.
    Man kann also Fluggesellschaften genau den gleichen Vorurf machen wie Kernkraftwerksbetreibern.
    Muss jetzt also das Fliegen verboten werden?

    http://www.akl.tu-darmstadt.de/media/arbeitskreis_luftverkehr/downloads_6/kolloquien/9kolloqium/oelnerluftfahrtversicherungeninzeitenterroristischeranschlge.pdf

  2. Kritikalität sagt:

    Eine hochinteressante Information, da man auch Flugzeugabstürze aus Laiensicht als „höhere Gewalt“ ansieht (es könnte jeden überall treffen). Die Auswirkungen eines havarierenden Kernkraftwerks werden allerdings noch um einen Faktor 1000 höher eingeschätzt – Billionen statt Milliarden, vollkommen falsch und irrational – siehe auch #29, #36 bis #39.

    • quer sagt:

      Das ist auch kein Wunder, weil in USA von „Billionen“ die Rede ist, wenn wir „Milliarde“ sagen. Und da Journalisten hierzulande zu blöde sind um dies zu merken/wissen, verbreiten sie diesen Unsinn. Leser glauben offenbar fast alles, was Journalisten (s. Fernsehen) so absondern.

  3. Johnny Doepp sagt:

    Es läßt sich wunderbar spekulieren über nicht publizierte Arbeiten, bzw. mit Referenz auf selbige. Starke Informationensquellen! Ansonsten muss man leider sagen, dass diese infanale Angst vor Terroranschlägen auf KKWs teif in die Psyche der Menschen blicken läßt. Gibt es denn einen Grund, warum uns Terroristen angreifen sollten? Falls ja, sollten wir uns mal einen Kopf machen, ob sich solche Gründe nicht aus der Welt schaffen ließen – was vermutlich auch leichter und finanziell sinnvoller ist, als KKWs abzureißen.

  4. Johnny Doepp sagt:

    Addendum: Übrigens, das größte Problem bei Flugzeugabstürzen sind die Strahltriebwerke, die sich in den Beton bohren, und bei großen Jumbos die Menge an Kerosin, die nach dem Absturz in Brand gerät. Das ist soweit wohl der Inhalt der besagten GRS-Studie. Allerdings kam dabei wohl auch heraus, dass es gar nicht so leicht ist, das Reaktorgebäude so zielgenau zu treffen, und die Terroristen-Piloten wohl einige Übung bräuchten. Und anstelle den KKWs die Verantwortung und Kosten für solche Unfälle oder terroristischen Akte aufzubürden, ist es wohl weitaus billiger, die Flugsicherheit zu erhöhen, sollte dies im zentralen Interesse stehen.

  5. Daniel G. sagt:

    Das ist schon bemerkenswert: Für einen Vorfall, der noch nie eingetreten ist und somit in ihrer Gänze auch nicht absehbar, will der Autor minutiös beschreiben können, was nach einem Flugzeugabsturz passieren würde. Da wird vielleicht ein Loch in das Reaktorgebäude reingerissen, aber das muss ja kein Problem sein. Und selbst wenn, dann kann ja im Falle einer Kernschmelze über „einen separaten Kamin […] gefiltert entlastet werden“. (Ganz davon zu schweigen, dass nach dem Aufprall dieser Kamin und dessen Zuleitungen auch noch vorhanden sein müssten.)
    Das ist einfach unseriös. Man kann Schadensabläufe unter bestimmten Bedingungen vielleicht grob vorhersagen. Aber niemand, nicht einmal die besten Experten, können einen hypothetischen, nie da gewesenen Vorfall, bis ins letzte Detail planen. Dieser Artikel tut jedoch genau dies, bzw. suggeriert, man könne es.
    Zitat: „Die Folgen für die Bevölkerung wären dieselben wie 1979 in Harrisburg, nämlich außer einer kurzen (unnötigen) Evakuierung, keine.“
    Auch dieses Argument ist unlauter. Die Kernschmelze in Three Mile Island (TMI) hatte mit einem Flugzeugabsturz, wie bekannt sein dürfte, nichts zu tun. Trotzdem wird es stellvertretend als Beispiel angeführt und so getan, als müssten die Bedingungen nach einem Flugzeugabsturz genau dieselben sein, wie damals in TMI.
    Übrigens: Dass die Evakuierung „unnötig“ war, konnte man erst im Nachhinein sagen. Denn danach war erst klar, dass die Wasserstoff-Blase, die sich im Reaktordruckbehälter gesammelt hatte, zu keiner Knallglas-Explosion führen konnte. Aber von dem damaligen Informationsstand während des Unfalls konnte der Gouverneur wahrscheinlich nicht anders handeln.

    Auch einer Pro-Kernenergie-Plattform stünde es gut an, zuzugeben: Wenn ein Passagierflugzeug ein Kernkraftwerk, insbesondere einen Siedewasserreaktor der Baulinie 69 träfe, wären die Konsequenzen letztendlich nicht absehbar. Eine Kernschmelze könnte nicht ausgeschlossen und eine erhebliche Freisetzung von Radioaktivität nicht ausgeschlossen werden. Alles andere ist nur Augenwischerei

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