#21: Altersrisiko

Behauptung: Je länger ein Atomkraftwerk in Betrieb ist, desto unsicherer wird es.

Die EWS behaupten (Originalgrund)

Technik und Elektronik halten nicht ewig. Schon gar nicht in einem Atomkraftwerk. Rohre werden spröde, Steuerungen fallen aus, Ventile und Pumpen versagen. Risse wachsen, Metalle korrodieren. Im Atomkraftwerk Davis Besse (Ohio/USA) fraß sich ein Loch unbemerkt durch den 16 Zentimeter dicken Stahl des Reaktordruckbehälters. Nur noch eine dünne Schicht Edelstahl an der Innenseite verhinderte das Leck.

Je länger ein Atomkraftwerk läuft und je älter es ist, desto riskanter ist sein Betrieb. Das kann man auch aus der Statistik der meldepflichtigen Ereignisse ablesen: Alte Reaktoren wie Biblis und Brunsbüttel tauchen dort deutlich häufiger auf als jüngere.

„Weiterführende Informationen” der EWS

Richtig ist …

Meldepflichtige Ereignisse sind nicht immer Störungen und erst recht nicht immer Störfälle, die es in Deutschland seit 10 Jahren nicht mehr gegeben hat. In der Statistik des Bundesamtes für Strahlenschutz weisen ältere KKWs 2009 und 2010 keine signifikant höhere Rate an meldepflichtigen Ereignissen auf als neuere. Dass sie insgesamt mehr Vorfälle gemeldet haben ist nicht verwunderlich, denn es gibt sie ja länger.

Nicht ohne Grund hat man ein Klassifikationssystem für meldepflichtige Ereignisse eingeführt. Dies dient der stetigen Verbesserung der Sicherheit, was man von anderen Einrichtungen wie Chemiefabriken, in denen auch Materialien für Solarzellen und Windkraftanlagen hergestellt werden, nicht sagen kann. Diesen enormen Sicherheitsvorteil als Beleg für schlechte Technik anzuführen ist ungefähr so logisch, wie jemanden, der vorsorglich häufiger zum Arzt geht, als kranker zu bezeichnen.

Zu suggerieren, kleinere Schäden wie Risse und Lecks, auch im nuklearen Bereich, würden zu katastrophalen Konsequenzen für die Umgebung führen, ist unverantwortlich. Der Vorfall in Davis-Besse zeigte auch, dass zwar eine der fünf Sicherheitsbarrieren versagen kann, aber auch, dass dies noch lange keine Gefahr für die Bevölkerung darstellt. Die redundante Mehrfachabsicherung sowie die passiv wirkenden Sicherheitsbarrieren verhindern effektiv, dass nennenswerte Strahlenbelastungen nach außen treten. Der Aufwand der Nachrüstung und Wartung bestimmt letztendlich die Häufigkeit von derartigen Ausfällen, wie bei allen technischen Industrieanlagen. Der Betreiber musste umfangreiche Auflagen erfüllen und hohe Strafen zahlen.

Bei der „dünnen Schicht” handelt es sich übrigens um die korrosionsfeste Innenwand – es ist also keineswegs glücklicher Zufall sondern gezielte Auslegung, dass diese nicht durchfressen wurde.

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2 Kommentare zu #21: Altersrisiko

  1. Johnny Doepp sagt:

    Also das ist so auch nicht ganz richtig. Eine Störung ist definitionsgemäß (INES; http://www.bfs.de/de/kerntechnik/ereignisse/ines.html) die „Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Betrieb der Anlage“, und ein Störfall ist „Begrenzter Ausfall der gestaffelten Sicherheitsvorkehrungen“. Und solche gab es wohl innerhalb der letzten 10 Jahre z.B. 28.06.2007 in Brunsbüttel (http://www.youtube.com/watch?v=6q1NBKhl-6w). Diese Quelle ist sicher nicht die objektivste. Man kann sich ja dann auch fachmännisch an das BfS wenden, die eine Liste aller gemeldeten meldepflichtigen Ereignisse veröffentlicht. Aber darum geht es ja auch gar nicht dabei, ob oder ob nicht solche Dinge passieren, bzw. ob oder ob nicht sie gemeldet wurden. Letzteres ist im übrigen eine Transparenzmaßnahme, welcher sich nicht viele Industrie- und Forschungszweige unterwerfen, die vermutlich viel kritischer zu sehen sind, wenn es um die Sicherheit der Bevölkerung geht.
    Fakt ist eines. Kernkraftwerke sind komplexe Anlagen, die schon nach Murphy’s Law komplexe Fehler haben. Und auch das Auftreten von Fehlern, Ausfällen, Störfällen usw. ändern sich über die Laufzeit bzw. die Betriebszeit. Auch damit sind Kernkraftwerke nicht allein (siehe Flugzeuge, Chemiefabriken und Rafinerien, etc.). Was von Kernkraftgegnern immer vorausgesetzt wird ist eine Art Mutwilligkeit bei den Betreibern von KKWs, ihre eigenen Anlagen aus Gier so zu fahren, dass sie kaputt gehen ohne Rücksicht auf Verluste. Vermutlich schließen das viele Autofahrer so ;), und für einige Manager sowie Aktieninhaber von KKWs und EVUs (wozu sicher auch Grüne und Greenpeace-Leute gehören; wenn nicht, selbst blöd) mag das tatsächlich zutreffen. Man tut aber dem vor Ort arbeitenen Betriebspersonal und den Wartungs- und Überwachungsmannschaften unrecht, wenn man ihnen dies unterstellt. Im Grunde kann ein Betreiber kein Interesse daran haben, seine Anlagen fahrlässig zu ruinieren bis sie völlig zerrüttet sind. Und die Investitionssummen, die in die Wartung und Überwachung fließen sind auch enorm – viele Autofahrer sind da viel geiziger!
    Und nun noch eine grundsätzliche Sache: Alles was funktioniert, kann auch ausfallen. Jeder Autofahrer weiß das. Bei einem KKW ist das nicht anders. Da man aber das Risiko für Mensch und Natur kennt, das mit Unfällen und radioaktiven Freisetzungen verbunden ist, tut man alles mögliche dafür, diese zu vermeiden. Man tut weit mehr dafür – insbesondere in Deutschland – als so manches Mal vernünftig oder noch betriebswirtschaftlich ist. Das hat seine Grenzen, sicher. Aber diese Maßnahmen sind so gut, dass die Anzahl Toter und Verletzter (hier würde ich auch strahlenbedingte Krebsfälle zuordnen) durch KKWs weit hinter denen von Autounfällen, Flugzeugabstürzen, medizinischen Kunstfehlern, etc. zurückbleiben. Und je länger man die kerntechnischen Anlagen kennt, um so besser hat man inzwischen gelernt, wie man sie im Griff hat. Nur im Gegensatz zu Autofahrern, die sich mit der Betriebsdauer langsam immer sicherer fühlen und evtl. anfangen, sich zu überschätzen, kommt in KKWs diesbezüglich keine Routine bzw. Nachlässigkeit auf. Was würden denn Autofahrer mit 20 Jahren Erfahrung sagen, wenn bei jeder Fahrt immernoch ein Fahrlehrer daneben steht, und den Fahrer die Beleuchtung und die Bremsen testen läßt, bevor es losgeht (denn im Ernst: wieviele machen das denn noch tatsächlich?)? Aber genau das passiert in KKWs. Die Behörden rücken den Betreibern auf Bestreben der Umweltverbände immer weiter auf die Pelle. Und auch die Umweltverbände selbst stellen ein Streß- bzw. Risikofaktor für KKWs dar. Entweder kann sich das Betriebspersonal auf die Anlage konzentrieren, oder sie fürchtet um ihr Leben, wenn hunderte von aufgebrachten Demonstranten vor dem Betriebsgelände warten. Wie würden Sie sich als Autofahrer fühlen bzw. wie könnten Sie sich auf das Autofahren konzentrieren, wenn ständig ein Mopp hinter Ihnen herfährt und nur darauf wartet, dass Sie einen Unfall bauen?!
    Und nebenbei mal: Das Betriebs- und Wartungspersonal ist zum großen Teil besser ausgebildet als der Durchscnitt in spezialisierten Berufen, und wird regelmäßig geschult und weitergebildet. Das sollten einige der Demonstranten erstmal selbst auf sich nehmen, bevor sie auf die Straße laufen und andere verurteilen.

    • Kritikalität sagt:

      Hier ist es beim Lesen unseres ersten Satzes wohl zu einem Bezugsfehler gekommen. Mit jenen Ereignissen, „die es in Deutschland seit 10 Jahren nicht mehr gegeben hat“, waren nur die Störfälle (INES 2) gemeint, die Störungen (INES 1) sind hier wesentlich unbedenklicher, wenn auch häufiger. Hier soll klar gemacht werden, dass INES-2-Ereignisse noch lange keine (auch nur geringe) Gefahr darstellen und trotzdem sehr selten vorkommen, anders als von den EWS suggeriert.

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